Rote Beete Café & Bar Presse

Kultur Macher

Berliner Morgenpost, Berlin live, 2.09.2015, 08.11.2015

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“Zuerst haben Suzan Sensoy und Andreas Haake im Club „Rote Beete“ in Schöneberg akustische
Bands präsentiert. Für die lauten Töne kam später ihr Lokal „Unterrock“ in Kreuzberg dazu
.
VON FRANZ MICHAEL ROHM
.
Als sie 2009 die „Rote Beete“ in einem
ehemaligen Blumenladen an der Schöneberger
Gleditschstraße eröffneten,
waren viele Freund und Gäste skeptisch.
Zu weit am vom Schuss, in der
ganzen Straße nur eine Uralt-Kneipe.
„Viele fragten, warum wir nicht eine
Straße weiter in die Goltz- oder Akazienstraße
gehen“, sagt Suzan Sensoy,
„denn da ist erheblich mehr los.“ Die
44-Jährige mit kurzer Bubikopf-Frisur
nestelt eine Zigarette aus der Packung.
„Aber wir hatten uns in diese Räume
verliebt.“ „Vor allem du“, sagt Andreas
Haake. Der Mittvierziger mit Pferdeschwanz
und Suzan sind seit zehn Jahren
ein Paar. Mit der „Roten Beete“ verwirklichten
sie sich den Traum vom gemeinsamen
Leben und Arbeiten.
Suzan übernahm sofort das innenarchitektonische
Konzept: „Das ist mein
Ding.“ Nach dem Architektur-Studium
an der Technischen Universität in Berlin
hat sie sich mit Raumgestaltung beschäftigt.
Das sieht man auf den ersten
Blick. Die Räume sind eine Mischung
aus süddeutscher Gaststube und Neo-
Berliner Chic. Ein holzverkleideter Eingang
führt in ein Ambiente mit Lampen
aus Geweihen, präpariertem Eberkopf,
burgundroten Wänden, angeklebten
Zierbordüren und 50er-Jahre-Möbeln.
„Diese Sesselchen stammen aus der
französischen Botschaft in Ost-Berlin“,
erzählt Suzan Sensoy stolz. Vor der „Roten
Beete“ hatte sie mehrere Cafés und
Kneipen ausgestaltet, etwa die Belle
Etage des „Café Bilderbuch“ an der Akazienstraße.
Kultur als I-Tüpfelchen
Sie steckt sich die dritte Zigarette an
und erzählt, wie sie nach Berlin kam. Als
Kind türkischer Gastarbeiter wurde sie
im Allgäu geboren. Mit einem Jahr gaben
sie ihre Eltern zur Großmutter nach
Istanbul, weil sie hofften, schnell genügend
Geld für die Rückkehr in die Türkei
zu verdienen. Nach acht Jahren holten
sie dann Suzan zurück nach
Deutschland, wo sie zur Schule ging,
Abitur machte und an der Hochschule
der Künste studierte. „Ich habe wie viele
im Studium als Kellnerin gejobbt, und
wir gehen beide auf viele Konzerte. Deshalb
haben wir eine so große Affinität
zur Musik“, erklärt sie.
Diese Liebe hat nicht nur zur Eröffnung
der „Roten Beete“ geführt. Dieses
Jahr bespielten die beiden Kulturmacher
zur „Fête de la Musique“ Ende
Juni eine eigene Bühne auf dem Winterfeldtplatz.
„Vorher hatten wir das schon
mal hier auf der Straße vor dem Lokal
gemacht. Aber dieses Jahr fiel die Fête
auf einen Sonntag. Deshalb haben wir es
gewagt. Ich hätte nicht gedacht, dass es
so viel Arbeit macht“, sagt Andreas.
Sechs Bands haben hintereinander gespielt.
Von Beginn an war die „Rote Beete“
ein Raucherlokal. „Raucher sind einfach
verrückter, kreativer, offener“, meint
Suzan. Die ersten fünf Jahre fanden viele
Konzerte und Lesungen statt, teilweise
sogar mehrmals die Woche. Bands
wie die Rocktruppe The Wild Circus,
die Ska- und Reggae-Truppe The Magic
Touch oder Acapulco Radio (Surf
Country) und Singer/Songwriter Luca
traten mehrfach auf. Der Eintritt ist
nach wie vor bei allen Konzerten frei.
„Die Bands spielen bei uns ausschließlich
auf Spendenbasis“, erklärt Suzan
Sensoy. Innerhalb von einem Jahr hatte
sich das Konzept etabliert.
Angesichts der Größe des Lokals von
knapp 50 Quadratmetern durften die
Bands nicht mehr als fünf Mitglieder haben
und mussten rein akustisch spielen.
„Wir hatten hinten im Laden sogar eine
kleine Bühne. Das Interesse von Kleinkünstlern
und Bands bei uns aufzutreten
war anfangs groß“, berichtet Andreas
Haake. Der gebürtige Norddeutsche
nimmt in dem Kulturmacher-Duo
den Part des Realisten wahr, der erst
einmal schaut, welche Probleme auftreten
könnten, bevor er etwas unternimmt.
Nach einer Buchhändlerlehre
arbeitete er viele Jahre in einem Antiquariat,
bis Mitte der Nullerjahre klar
wurde, „dass ich davon definitiv nicht
bis zur Rente leben kann.“ Insofern war
die „Rote Beete“ ein notwendiger
Schnitt. Allerdings machte ihn Haake
nicht radikal, sondern arbeitete die ersten
zwei Jahre parallel in seinem Lokal
und handelte über das Internet weiter
mit Büchern. „Das waren lange Tage
und Nächte“, erinnert er sich. Irgendwann
wurde die Arbeit im Lokal so viel,
und der Umsatz mit dem Internet-Antiquariat
so gering, dass er sich entschied,
nur noch die „Rote Beete“ zu machen.
Lieber Gespräche als Live- Musik
Das Lokal lebte vom Image des Besonderen
und vom Kulturangebot. „Kleinkünstler
haben viele Freunde, die zu
Auftritten kommen“, resümiert Haake.
Von Anfang an war klar, dass die Kultur
nur das I-Tüpfelchen sein konnte.
„Unser Geschäft ist ganz klar der Verkauf
von Getränken“, sagt Suzan Sensoy.
Nach einigem Experimentieren habe
man sich auf ein einziges Fassbier
geeinigt, „das älteste Pils aus Tschechien“.
Daneben gibt es eine kleine Karte
mit Long-Drinks und Cocktails. Mit
diesem Konzept kamen die beiden gut
über die Runden. Nach einiger Zeit verzichteten
sie auf Lesungen. Dafür kamen
mehr Bands auf die Bühne. „Unser
Spektrum war sehr breit. Von Country
über Singer-Songwriter bis zu Jazz,
Swing, Gitarrenpop war alles dabei“, erläutert
Suzan. Sie stellt auch die Playlists
für die Musik zusammen, die in der
„Roten Beete“ läuft. Beim Besuch gab es
Hank Williams, Joan Armatrading, Sarah
Vaughn, Van Morrison, die Doors.
Vor anderthalb Jahren erfuhren die
beiden Clubmacher in Gesprächen, dass
ihr Publikum andere Gewohnheiten angenommen
hatte. „Unsere Stammgäste
erklärten uns, sie würden zwar gerne
Live-Musik hören. Aber zu uns kämen sie
lieber, um sich zu unterhalten. Gleichzeitig
sagten uns einige Musiker, es sei sehr
störend, wenn sich die Gäste bei ihren
Konzerten laut unterhielten“, berichtet
Andreas Haake. In der Konsequenz entschieden
die beiden, das Konzept zu ändern.
Seit einem halben Jahr treten Live-
Bands nur noch alle zwei Wochen auf.
Eigentlich war diese Entscheidung
eine kleine Kapitulation. Doch Andreas
Haake hatte gleichzeitig von einem Lokal
an der Kreuzberger Fürbringer Straße
gehört, für das ein neuer Inhaber gesucht
wurde: das Too Dark. „Ein klassischer
Musikschuppen“, meint Andreas
Haake, „mit einer richtigen schallisolierten
Decke, einer kleinen Bühne. Nichts
für die leisen Töne, eher etwas für Rock.
Genau mein Geschmack.“ Der Name:
„Unterrock“.
Etwa 50 Sitzplätze hat das Souterrain-
Lokal, und 25 auf der Trottoirterrasse.
Nach erfolgreichen Verhandlungen begann
in diesen Frühjahr der Umbau, dessen
Leitung natürlich Suzan Sensoy
übernahm. „Wir haben eine Wand mit
Vinyl-Plattencovern gestaltet, die unseren
Musikgeschmack geprägt haben: The
B 52s, Ballhaus, Sex Pistols, New Model
Army.“ Andreas Haake feilt noch am musikalischen
Konzept. Neben Rock soll es
auch Minimal, Elektro und Indie-Rock
geben. Am 5. September starten „Unterrock“
und „Rote Beete“ nach der der
Sommerpause in die neue Saison.”